[Review] Die Edda im Theater

Recs & Reviews

(I went to the theatre last weekend and I have some Thoughts! I will give them im German, though, because that was what the piece was in and I could use the practice, anyway.)

Letztens war ich im Schauspiel Hannover, um mir Die Edda anzugucken.Ich war zufällig auf den Trailer gestoßen, der mich sehr neugierig machte. Besonders die Bühnengestaltung, dieses rohe Gerüst mit der vermischten Ikonographie… 👌👀 Am Ende war ich aber leider eher etwas enttäuscht vom ganzen Erlebnis. Trotz der positiven Aspekte hat es in mir eher ein Gefühl von verschwendetem Potential hinterlassen.

Visuell und atmosphärisch fängt das Ganze allerdings wirklich gut an. Rauch (vielleicht etwas zu viel… es gab etwas Husten im Publikum), Schnee, eine Figur im Nebel, die Inhaltlich etwas schwierig zu verstehende, aber mit wundervoller Alliteration geschmückte Verse aus der Edda vorträgt, immer Lauter und Lauter, bis sie heiser schreit. Ein Baumstamm, der, ohne die Kabel und Bühnenhelfer zu verstecken, aufgestellt wird. Die ganze Bühne fühlt sich auf einmal—trotz Baumstamm—an, als wäre man hinter den Kulissen. Es laufen halb verkleidete Schauspieler durch die Gegend, nehmen sich Essen und Trinken von den Tischen. Eine Führung wandert durch die Bühne und gibt uns eine Einleitung in die Sagen, die dann auch wieder zu geschehen beginnen. Teile der Erzählung passieren manchmal vor, manchmal nach anderen. Wir gleiten mühelos zwischen Drama und Slapstick. Etwas im Ganzen, was man auf sich einwirken lässt, wo man in der Geschichte und mit Motiven spielt und linearer Sinn mal beiseite gelegt werden kann;  ich war total drinnen.

Bis es mich dann auf einmal wieder rauswarf. Zuerst mit einer der witzig gedachten Stellen, die bei mir überhaupt nicht ankamen. Loki geht zu den Zwergen, und auf einmal sollen wir über Political Correctness Witze lachen? Man-darf-ja-gar-nichts-mehr-sagen etc., er wird von ihnen bedroht wann immer er das Wort „klein“ in den Mund nimmt. Sowas löst bei mir nur die aggressivste, tödlichste Langeweile aus. Verraten von dem Strom, in dem ich mich treiben lassen wollte, Mood total kaputt, aber ich habe es doch nochmal wieder reingeschafft—es gab wirklich tolle und effektive Szenen; die wiederholten Tode der Freya, die sich mit blutigen Händen auf die Brustplatte schlägt, waren hypnotisch und poetisch, und ich war ziemlich gebannt—bis zur letzten Szene vorm Ende der ersten Hälfte. Es ist die Geschichte von Thor, der sich als Braut verkleidet um seinen Hammer zurück zu bekommen, und dann aus Rache die Riesen allesamt brutal umbringt. Alleine stehend, umgeben von den Körpern seiner Opfer, rutscht er in einem Monolog von Genozid-Slogans (Kakerlaken, nennt er die Riesen, und erzählt wie er auch die Frauen und Kinder totgeschlagen hat — ich hab irgendwie fast einen Anakin Skywalker Witz erwartet), in flehende Rechtfertigung: er kann nur töten, seine Körper ist nicht dazu gemacht, neues Leben zu erzeugen, oder ein zartes Kind in den Händen zu halten. Es war ein bewegendes Statement über Gewalt und Maskulinität, beeindruckend von der Schauspieler_in übermittelt… und dann haben sie es gleich wieder ruiniert, in dem sie einen eingestaubten Witz über Donald Trump und seine Mauer machten. Too obvious!  Anstatt nachdenklich und in Geschichtenstränge verheddert in die Pause zu gehen, wie ich es gerne getan hätte, war ich enttäuscht und leicht irritiert. (In der Pause war auf der Bühne ein Vortrag über lineare und zirkuläre Narrative, von dem ich leider nur das Ende mitbekommen habe, also kann ich darüber nichts sagen. Er sah aber sehr interessant aus, und ich bereue es etwas, ihn verpasst zu haben.)

Das andere Thema, aus dem das Stück meiner Meinung nach mehr hätte machen können, ist das der Monster und Monstrosität. Loki, der am öftesten mit dem Publikum spricht, erzählt uns von seinen Monsterkindern, dass er nirgendwo dazu gehört – nicht zu den Göttern oder den Monstern, und dass daher auch seine Wut kommt, am Ende alles verbrennen lassen zu wollen. (Auch Thor spricht es in seinem Monolog an, wenn er beschreibt, wie Loki über sein Massaker weint.) Natürlich werde ich sofort hellhörig! 👀 Das liegt doch nah an Queerness, und sowieso, für solche Themen hab ich immer Zeit. Aber nachdem diesen Faden nimmt das Stück nie richtig auf. In der zweiten Hälfte geht es um das Ende der Welt, und gleichzeitig die Geschichte des Autoren und seinem Vater, und wie der Starb. Es fängt wieder ziemlich stark an, mit schön vermischtem Nonsens und Symbolik — der Urknall wird vorgesungen, ein langer Schnarrstimmenton. Ein betont UNchristliches Opfer, das sich weiss anmalt und immer wieder wiederholt, das es nicht falsch verstehen worden will. Neben ihm auf dem Wagen steht eine Weile lang jemand lässig in einer Kreuz-ähnlichen Haltung. Im Hintergrund steht eine Kapitolinische Wölfin rum. Uns wird vom Tot und der Wiedergeburt erzählt. Fand ich alles ganz gut und atmosphärisch, aber mussten wir dabei so viele Figuren in grotesken Fettanzügen haben? In den richtigen Umständen, mit mehr Camp, hätten mir die Kostüme vielleicht auch gefallen; aber hier, wo das Thema der Monster anscheinend vergessen wurde, und es irgendwie den Zerfall zu symbolisieren scheint, kann ich mich nicht daran freuen.

Das letzte hat meinem Interesse dann eine Szene gegeben, die wohl die Vergewaltigung Brynhilds darstellen sollte? Eine Vergewaltigung, auf jeden Fall, mit Charakteren die sonst nur im Hintergrund aufgetaucht waren, und nach dieser Szene gar nicht mehr, und aus welchem Grund wir uns das angucken mussten kann ich nicht sagen. Vielleicht als Gegengewicht zur Narration, die dabei war, zu erzählen, wie der Autor und sein Vater Gunnar als ihren Held ansahen? Aber das er ein problematischer Held ist, war auch so schon klar. Zum Ende wurde mir das ganze Stück einfach zu lang, und ich wartete nur noch darauf endlich gehen zu dürfen, während mir gezeigt wurde, wie der ‚alte Glaube‘ von einer bösen neuen Welt getötet wurde. Ganz so eindeutig meinte das Stück es glaube ich nicht, aber man könnte es sehr einfach so interpretieren. Obwohl das für mich nicht zum Rest des Geschehens passte, und außerdem ein allzu vereinfachter und politisch verantwortungsloser Standpunkt ist. Man hätte sich doch auch mal dran interessieren können, wie die Mythologie der Edda so politisch benutzt und angesehen wird, anstatt gleich von Snorri Sturluson zu der übertragenen metaphorischen Anwendbarkeit auf die großen Fragen im persönlichen Leben zu springen. Finde ich.

Ok, zum Ende etwas Positives: die Musik hat mir gut gefallen; moderne Lieder zu benutzen, statt einem faux-mittelalterlichen Soundtrack war eine gute Wahl, und es hat eine super Atmosphäre geschaffen. Und über das Seltsame Gerüst und die Beweglichen Lichterstreifen, die die Bühne aufteilten und wie eine diffuse Grenze zwischen den Welten, Teil Himmel Teil Meer erschienen, könnte ich lange schwärmen. Aber inhaltlich hat das Stück andauernd seine eigenen Themen untergraben und ist seinem eigenen Potenzial nicht gerecht geworden. Genau so viel nicht-linearität und Meta, aber mehr Camp und Queerness und politisches Bewusstsein, wünsche ich mir.

Ein Gedanke zu “[Review] Die Edda im Theater

  1. Ich habe selten einen so detaillierten Theaterbericht/ Kommentar gelesen. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sich das Stück im Laufe der Vorstellung entwickelt hat.

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